Wir berichten…

…wieder einmal über unsere Hilfprojekte für Geflüchtete, Angekommene aber leider nicht Willkommene in Süditalien, die wir unter dem Begriff NoCap unterstützen, so gut wir können. In der Karwoche sind wir mit einer kleinen Reisegruppe aufgebrochen um das Lager Casa Sankara und zwei Ghettos in San Severo, Häuser der Würde in Serra Marina und Terzo Cavone, die vergessene Zeltstadt Tendopoli in San Ferdinando und selbstverständlich auch wieder Riace, das Dorf des Willkommens und seinen legendären Bürgermeister Mimmo Lucano zu besuchen und neue Hilfsmöglichkeiten auszuloten.

Casa Sankara, …

… das von den beiden Senegalesen Hervè und Mbaye autonom geführte Lager mit Landwirtschaft hat immer mit den gleichen Problemen zu kämpfen. Immer besteht Geldmangel, um die sozialen Anforderungen meistern zu können. Kälte und zu viel Regen haben die Aussaat auf den Feldern verzögert. Die Inbetriebnahme der Großküche hängt an Genehmigungen der Behörden für die Trinkwasserqualität, die hohen Energiekosten verschlingen alle Einnahmen aus der Gemüsernte. Das Leben für die 500 angekommenen Afrikaner im Containerdorf ist zeitlich auf 18 Monate begrenzt, nicht komfortabel aber immerhin menschenwürdig und es fehlt nicht an Arbeit, juristischer Beratung, medizinischer Versorgung und kulturellen Veranstaltungen. Casa Sankara ist ein Vorzeigedorf, das tatsächlich viele Besucher hat, die ähnliches im ganzen Land aufbauen wollen. Unterstützung fällt hier auf fruchtbaren Boden.

Das Ghetto Borgo Mezzanone…

… wächst wie ein Krebsgeschwür entlang der beiden Landebahnen des alten Militärflugplatzes nahe Foggia, der Hauptstadt Apuliens. Ein einziges unbeschreibliches Toilettenhaus und keine regelmäßige Wasserversorgung sind das Kennzeichen des größten europäischen Flüchtlingsghettos. Inzwischen wohnen dort saisonal unterschiedlich geschätzt über 8000 Menschen vorwiegend aus west- und ostafrikanischen Ländern. Läden und „Restaurants“ haben sich etabliert. Die Moschee und die Kirche sind gut besucht. Hunderte ausgeschlachtete Autowracks säumen die Bretter- und Plastikplanenverschläge und dahinter türmen sich Müllberge. Wenn sie brennen, beißt schwarzer Rauch in den Augen. Die Mafia baut immer mehr kleine Hütten ohne Wasser, Strom und Heizung und vermietet sie teuer an neue Angekommene. Das Ghetto ist eine unerschöpfliche Quelle für Ausbeutung. Abenteuerliche Schrottautos fahren durch das Lager, laden Tagelöhner ein, kassieren sie ab und bringen sie auf die weit entfernten Felder.

Es fällt auf, dass Viele die katastrophalen Zustände nur mit Drogen ertragen und sich selbst aufgegeben haben. Der Gang unserer Reisegruppe durch die Behausungen zusammen mit Yvan Sagnet ist im Vergleich zu anderen Ghettos aber relativ ungefährlich. Die Männer sind aufgeschlossen und neugierig, fragen danach, warum wir Weiße der Hölle einen Besuch abstatten.

Es geht noch schlimmer: Ghetto Rignano

Am Fuß des Gargano ist das Camp mit 500 Männern „bewohnt“, deutlich kleiner, aber auf einem Acker fernab jeder Siedlung entstanden. Bei Regen ein einziges Schlammloch. Die Regierung hat sich zurückgezogen und Medizin-Container und Hilfszelt funktionslos zurückgelassen. Eine „Dusche“ aus Brettern und Blech zusammengenagelt aber ohne Wasser. Das muss jeder im Eimer selbst mitbringen, wenn das Regenfass noch gefüllt ist. Entsprechend aggressiv sind die Männer, wenn wir das Lager betreten. Selbst Yvan Sagnet, der laufend Menschen aus dem Ghetto holt und ihnen reguläre Arbeitsverträge und ordentliche Unterkunft anbietet, betritt das Ghetto nur in Begleitung. Ständig fahren die sog. „Vorarbeiter“ in ihren Schrottautos raus und rein, holen die Tagelöhner zur Arbeit ab und bringen sie wieder zurück. Ein schwarzer Fahrer hält an und fragt, ob wir Arbeit haben. Er bietet mir sehr billige Arbeiter an. Mafia!

Die sanitäre Anlage

Casa Betania

Das erste 2019 gegründete Haus der Würde in Serra Marina „Casa Betania“ beherbergt bis zu 30 Männer aus allen Teilen Afrikas, die tagsüber in der Umgebung Arbeit in den Gemüse- und Obstplantagen oder inder Konservenfabrik haben. Die meisten können die Felder mit dem Fahrrad erreichen, einige werden mit dem 9-Sitzer gefahren. Es gibt eine Küche, Dusche, Toilette, Schlafräume und einen Kraftraum für die Fitness. Seit die Regierung Moudas Job bei der Stadt Matera als Integrationsberater gestrichen hat, ist er als „Hausmeister“ nicht mehr da, sondern jobt in Norditalien, um seine 7 Jahre ununterbrochene Arbeitszeit für sein dauerhaftes Bleiberecht nicht zu gefährden. Sein Fehlen sieht man jetzt in allen Ecken des Hauses. Schon wieder müssen die Toiletten erneuert werden. Die Kirche als Träger ist ohne Unterstützung des Staates nicht mehr in der Lage, die Kosten für Energie und Renovierung allein zu tragen. Don Antonio, der sich in einem Gebiet so groß wie Oberbayern um die Integration von Geflüchteten kümmern muss, bittet uns wieder um finanzielle Hilfe. Wir haben ihm aus dem Spendentopf 5000€ überwiesen.

Il progetto dei fichi

Don Antonio Polidoro auf der Feigenplantage
Odion Abigal und Osaretin Eziegbe Success

Ebenfalls unter der Leitung von Don Antonio steht das Feigenprojekt. Es ist eines von wenigen Integrationsprojekten speziell für alleinerziehende Frauen und Familien mit Kindern. Sie sind besonders verletzlich und deswegen ist es wichtig, Perspektiven für ein dauerhaftes Leben zu schaffen. Don Antonio hat deswegen eine Genossenschaft gegründet, um Frauen Arbeit und Auskommen mit dem Anbau und der Verarbeitung von Feigen zu geben. Ein Bauer hat sein Feld zur Verfügung gestellt, die Kirche unterhält Wohnungen, die Kinder werden beaufsichtigt und gehen zur Schule, während die Frauen die Plantage bepflanzen, pflegen und ernten. Die Feigenbäume sind noch klein, die erste Ernte für die geplante Verarbeitung ist erst in einem Jahr zu erwarten. Bis dahin sind Kosten für Lebensmittelgutscheine, Strom, Gas und Bildung zu bestreiten. Die Kinder umarmen Don Antonio und klammern sich an seine Beine. Er hat auch immer ein paar Süßigkeiten dabei. Wir müssen aber erkennen, dass er ganz allein angesichts der riesengroßen Probleme auf verlorenem Posten steht. Es bräuchte staatliche Unterstützung und keine Behinderungen, viele gleichgesinnte Helfer und Millionen Euro um wirklich etwas zu bewegen. Stattdessen können wir ihm nur in sehr begrenztem Maß helfen. Wo sind die Großspender*innen, die Gutes tun möchten. Wir wissen, wo überschüssiges Geld sinnvoll eingesetzt werden kann.

Ein neues „Haus der Würde“ in Corigliano

In Zusammenarbeit zwischen NoCap und der Ölmühle La Molazza ist eine neue Unterkunft gegründet worden. Leider konnten wir wegen eines kurzen Krankenhausaufenthalts in Foggia diese Lokalität diesmal noch nicht besuchen. Wir müssen bis zum nächsten Mal warten. Aber wir wissen schon jetzt, dass auch für dieses Gebäude Geld für die Renovierung und Ausstattung notwendig ist. Wir werden den Spendentopf erneut umdrehen und hoffen, dass noch ein paar tausend Euro herausfallen.

Betreuung körperlich und psychisch besonders vulnerabler Personen

Gianantonio Ricci, der Leiter des Projekts „Spartacus“ machte uns auf ein zunehmendes Problem aufmerksam. Wegen der perspektivlosen Lage zigtausender von Migranten wachsen die psychischen Probleme, Depressionen und Traumata aus der Zeit der Flucht. Diese Menschen werden vollkommen allein gelassen. Es gibt kein staatliches Programm, das sich mit solchen Fällen befasst.

Gianantonio hat uns in einer ausführlichen Email dazu geschrieben:

Fälle körperlicher und psychischer Fragilität sind unter Migranten häufig. Bereits im Dezember 2024 musste unser Projekt Seeady Jeng aufnehmen, einen jungen Mann aus Gambia (geboren 1998), der unter einer Brücke in einer Kartonhütte in Rossano-Corigliano lebte. Wir haben ihn in unserem Haus in Corigliano aufgenommen. Seeady hatte keinerlei Dokumente und konnte natürlich nicht arbeiten. Er half uns im Haushalt, während wir für seine Verpflegung und Grundbedürfnisse aufkamen. Nach und nach konnten wir alle seine Dokumente beschaffen. Dafür mussten wir ihn nach San Ferdinando bringen, damit ich ihn direkt betreuen konnte. Mit Hilfe unserer Anwältin konnten wir schließlich alles regeln, und seit Oktober 2025 verfügt Seeady über vollständige Papiere und kann arbeiten. Seeady ist jedoch eine fragile und wenig angepasste Person: Analphabet, sehr jung ausgewandert usw. – psychisch wirkt er etwas wie ein Kind, dem man ständig sagen muss, was zu tun ist und das man nicht allein lassen kann, weil es sonst orientierungslos umherirrt. Das Leben in unseren Arbeitsteams tut ihm gut und gibt ihm Stabilität.

Leider ist es selbst für Menschen, die sich als progressiv bezeichnen, schwer zu verstehen, dass vulnerable Personen vor allem Menschlichkeit brauchen – noch vor allem anderen, sogar vor Nahrung brauchen sie ein Dach über dem Kopf und eine „Familie“, bei der sie sein können. Doch es liegt offenbar in der menschlichen Natur, Regeln über Menschen zu stellen. Nicht umsonst kritisierte Jesus die Pharisäer so stark, weil sie im Namen von Regeln die Menschen vergaßen.

Genau das ist mit Seeady passiert: Im November 2025 wurde er aus seiner Unterkunft hinausgeworfen, weil er angeblich zu viel Marihuana rauchte und ein Problem darstellte. Ich musste sehr energisch intervenieren, um zu verhindern, dass er wie ein Hund auf die Straße gesetzt wird. Man gab mir drei Tage Zeit, und dank einer glücklichen Fügung konnte ich ein kleines Haus in Nicotera Marina finden, in dem er unterkommen konnte. Seit Ende November 2025 haben wir als Spartacus dieses kleine Haus in Nicotera Marina für Seeady – was natürlich zusätzliche Kosten verursacht.

Inzwischen, da wir stärker in der Zeltstadt präsent sind, sind weitere Fälle hinzugekommen: ein junger Mann, der so schwer geschlagen wurde, dass er nicht mehr richtig gehen oder seine Hände benutzen kann; ein anderer mit schwerer Diabetes; ein weiterer, der sich bei einem Fahrradsturz das Bein gebrochen hat und mit Gips nicht in die Zeltstadt zurückkehren kann.

Es ist offensichtlich, dass das Zeltlager in San Ferdinando eine Art „Hölle“ ist, in der viele Menschen physische und psychische Probleme entwickeln. Ebenso offensichtlich ist, dass es vor Ort keine Organisation gibt (außer uns, die es zumindest versuchen), die sich um besonders schutzbedürftige Personen kümmert. Für diese Menschen reicht es nicht, ein Rezept auszustellen oder ein Bein einzugipsen: Sie haben kein Geld für Medikamente, kein Dach für die Genesung und oft nicht einmal genug zu essen.

Ja, auch wir sind auf der Suche nach einem Ausbau des Crowdfunding. Wo sind die Großspender*innen, die ihr Geld gern sinnbringend einsetzen wollen? Bitte melden!

Rosarno und San Ferdinando

Das Luftbild zeigt das Ghetto Tendopoli (Zeltstadt) östlich von San Ferdinando. Nur 2 Kilometer vom wunderschönen Sandstrand entfernt ist hier die Hölle. Das Gelände ist eingezäunt, es hat keine sanitären Anlagen mehr, weil sich der Staat zurückgezogen hat. Der Müll wird nur über den Zaun geworfen und oft angezündet. Gekocht wird auf brennenden Autoreifen. Hier leben die Abgehängten, Kranken, Depressiven und warten auf das Wunder, das nicht kommt. Sie haben die Odysse durch die Sahara, Folter in libyschen Gefängnissen und das Mittelmeer überlebt. Doch das Elend, das sie jetzt in Europa erleben, ist der Höhepunkt ihrer Leiden. Das Schlimmste: Es gibt keinen Weg mehr zurück.

Einmal pro Woche kommt ein Fahrzeug und bringt die allernötigste ärztliche Versorgung und die Caritas erfasst Personalien, verteilt Post und berät über die kleinen Schritte der Integration. Wer hier leben muss, der wird nicht gesund. TBC wird ständig diagnostiziert, Verletzungen können bei fehlender Hygiene nicht heilen.

Hier ist das Einsatzgebiet von Spartacus und Gianantonio. Hier holt er immer wieder Menschen aus dem Ghetto, verschafft ihnen Papiere, gibt ihnen einen Arbeitsvertrag mit fairem Lohn bei Orangenbauern und eine saubere Unterkunft in der Stadt. Aber es immer viel zu wenig, weil Geld fehlt. Unterstützt wird er seit einem Jahr von Jacob Attah aus Ghana. Er war selbst Bewohner dieses Ghettos, hat sich aber selbst befreit und die Organisation afroworld gegründet. Sein Ziel ist, möglichst viele Landsleute zu beraten, wie sie an Papiere, Wohnung und Arbeit kommen. Seit letztem Monat teilt er sich in der Gemeindeverwaltung zusammen mit Caritas ein Büro, in dem er endlich arbeiten kann. Wir haben ihn letzten Winter mit Geld und Laptop unterstützt, damit er afroworld aufbauen kann.

Es sind diese kleinen Initiativen, die uns die Hoffnung geben, dass sich an der katastrophalen Situation der Geflüchteten langsam etwas bessert. Aber so lange die europäischen Regierungen Milliarden für die Abwehr von Migranten ausgeben, anstatt Integration zu fördern, wird es für NGOs und Private eine Sisyphusarbeit bleiben. Die Schande Europas, der Verfall christlicher Werte, sie können hier im Süden von Italien täglich besichtigt werden.

Danke, dass Du bis zu Ende gelesen hast. Denn jetzt bitten wir wieder einmal um großzügige Spenden – nach oben keine Grenze.

Hier gehts zur Spendenseite:
https://nocap.oeko-und-fair.de/campaigns/crowdfunding/donate/

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