{"id":9626,"date":"2024-05-17T11:41:09","date_gmt":"2024-05-17T09:41:09","guid":{"rendered":"https:\/\/oeko-und-fair.de\/?p=9626"},"modified":"2024-05-17T11:45:09","modified_gmt":"2024-05-17T09:45:09","slug":"anti-pfingsten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oeko-und-fair.de\/?p=9626","title":{"rendered":"Anti-Pfingsten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heribert Prantl (SZ) hat wieder einen seiner treffenden Kommentare ver\u00f6ffentlicht. Er prangert darin die Diskrepanz zwischen der Globalisierung und der Abschottung Europas an und bringt sie in Zusammenhang mit der wundersamen V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, an die das Pfingstfest erinnern soll. Und eine indirekte und negative Wahlempfehlung f\u00fcr die kommende EU-Wahl ist auch darin enthalten. Einfach gro\u00dfartig!<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>EU-Asyl in Ruanda? <\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Heilige Geist, der nun gefeiert wird, \u00fcberwindet Grenzen. Der politische Geist, der in Europa immer m\u00e4chtiger wird, grenzt aus und schottet ab.<br>\u00dcbermorgen werden sie wieder einwandern: Die Parther, Meder und Elam\u00edter, die Bewohner von Mesopot\u00e1mien, Jud\u00e4a und Kappad\u00f3kien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phr\u00fdgien und Pamph\u00fdlien, von \u00c4gypten und dem Gebiet L\u00edbyens nach Kyr\u00e9ne hin, auch die R\u00f6mer, die Juden und Prosel\u00fdten, die Kreter und \u00c1raber. Es ist Pfingsten, und da werden sie alle aufmarschieren und vorf\u00fchren, dass Migration nichts, aber auch gar nichts Neues ist, auch wenn die f\u00fcr heutige Zungen sperrigen Namen der L\u00e4nder im Jahr 2024 anders hei\u00dfen. Heute w\u00e4re vom Irak und von Iran, Syrien und der T\u00fcrkei die Rede. Die biblische Pfingstgeschichte spielt im Melting Pot Jerusalem. Es ist dort ein buntes V\u00f6lkergemisch mit Menschen aus aller Herren L\u00e4nder unterwegs, die beinahe gen\u00fcsslich aufgez\u00e4hlt werden. Denn der Clou der Geschichte ist: Es kommt zu einer gro\u00dfen, wundersamen Verst\u00e4ndigung unter ihnen. Pfingsten ist das christliche Fest, das daran erinnert.<br>Die Geschichte geht so: Die Apostel haben sich nach dem Tod des Jesus von Nazareth ver\u00e4ngstigt, verwirrt und kleinlaut hinter verschlossene T\u00fcren zur\u00fcckgezogen, w\u00e4hrend drau\u00dfen auf den Stra\u00dfen ein gro\u00dfes Fest gefeiert wird. Da f\u00e4hrt ein neuer Geist in sie, und sie begreifen, dass Abschottung, Verkriechen und Selbstabschlie\u00dfung nicht der Weg ist. Sie \u00fcberwinden ihre Angst, sie mischen sich unter die V\u00f6lker, sie reden davon, dass Jesus nicht tot, sondern lebendig sei. Und sieh da: Es geschieht ein Kommunikationswunder; jeder Zuh\u00f6rer kann sie in seiner Muttersprache verstehen. Die Bibel nennt dies das Wunder des Heiligen Geistes.<br>Von so einem Wunder ist heute nichts zu sp\u00fcren; der Geist des Jahres 2024 ist ein ganz anderer. Er ist kein Geist der Offenheit, er \u00fcberwindet keine Barrieren, im Gegenteil: Er grenzt aus, er lagert aus, er perfektioniert Abschottung. 35 Jahren nach dem Mauerfall werden Grenzen nicht ab-, sondern ausgebaut. Auf dem Globus existieren Grenzschutzsperren von 26 000 Kilometer L\u00e4nge, f\u00fcnfmal so viel wie 1989; so hat es Tobias Pr\u00fcwer in seinem Buch \u00fcber die \u201eWelt aus Mauern\u201c ausgerechnet. Es schafft dies eine beton-, elektronik- und paragrafengeh\u00e4rtete, mit Stacheldraht umwickelte Illusion von Sicherheit. Europa baut heftig mit an dieser Illusion. Es setzt auf immer rigorosere Abweisung, auf Pushbacks, auf Frontex. Es baut die \u201eFestung Europa\u201c.<br>Diese \u201eFestung\u201c wurde einst als Negativbegriff erfunden f\u00fcr die Idee, dass der Kontinent nicht die Zugbr\u00fccken hochziehen d\u00fcrfe. Der Begriff ist aber dann von den Bef\u00fcrwortern eines strikten Grenzregimes als ihr Kampfbegriff gekapert worden; die \u201eFestung Europa\u201c gilt ihnen als Positivbegriff f\u00fcr ein Europa, das Gefl\u00fcchtete an den Au\u00dfengrenzen in Haft nimmt oder in Lager in Afrika verbringt. Die Fl\u00fcchtlinge sollen nach Staaten wie Ruanda transportiert werden, die viel Geld daf\u00fcr bekommen, dass sie eine Asylpr\u00fcfung vornehmen und dann die Fl\u00fcchtlinge bei sich aufnehmen oder nach irgendwohin weiterschicken. Das Asyl soll dorthin kommen, wo die Fl\u00fcchtlinge keinesfalls hinwollen \u2013 um sie abzuschrecken.<br>Gro\u00dfbritannien hat dieses Modell entwickelt und so das winzige Ruanda zu einem big player in der Fl\u00fcchtlingspolitik gemacht. Die Abschiebungen nach Ruanda sollen in K\u00fcrze beginnen; umgerechnet eine halbe Milliarde Euro l\u00e4sst sich die Londoner Regierung das kosten. Es wei\u00df noch niemand, ob und wie das Modell funktioniert, aber es hat in der EU schon viele Anh\u00e4nger gefunden. Es taugt als Probleml\u00f6sungssimulation. Die Europ\u00e4ische Volkspartei mit ihrer Spitzenkandidatin Ursula von der Leyen propagiert daher im laufenden Wahlkampf die Abschiebung von Fl\u00fcchtlingen nach irgendwo; der offizielle Name hei\u00dft \u201esicheres Drittland\u201c. Die CDU hat diesen neokolonialen Kuhhandel mit Fl\u00fcchtlingen in angeblich sichere Drittl\u00e4nder, also das Ruanda-Modell, soeben auf ihrem Parteitag in ihr Grundsatzprogramm aufgenommen. Es ist dies die forcierte Fortsetzung der erfolglosen Fl\u00fcchtlingsabwehrpolitik der vergangenen Jahrzehnte. Die Bef\u00fcrworter des Ruanda-Modells reden sich dieses Geschacher sch\u00f6n als quasi humanit\u00e4ren Akt; sie sagen: Wenn Fl\u00fcchtlinge wissen, dass sie in Ruanda landen, selbst wenn sie es nach Europa geschafft hatten \u2013 dann versuchen sie die Flucht \u00fcbers Mittelmeer gar nicht. Also, so behaupten die Ruandisten, retten wir mit der Ruanda-L\u00f6sung Leben.<br>Diese Abschottungspolitik wirkt nicht nur nach au\u00dfen, sie wirkt noch viel mehr nach innen in die Gesellschaft hinein. Solche Ma\u00dfnahmen versprechen: Ihr seid in Frieden und Sicherheit. Sie sagen aber zugleich: Die Invasion ist nur mit M\u00fche aufzuhalten; ihr m\u00fcsst Angst haben. Sie best\u00e4rken die Menschen in dem antipfingstlichen Gef\u00fchl, dass der oder die Fremde eine Bedrohung ist. Gesell\u00adschaften, die den Belagerungszustand auff\u00fchren, lassen ihre B\u00fcrger in Katastrophenangst versinken. Die Festungspolitik produziert, so sagt die US-Politologin Wendy Brown, \u201edie Illusion einer Zukunft, die sich an einer idealisierten Vergangenheit orientiert\u201c. Mauern, Z\u00e4une und Grenzkontrollen sollen \u00c4ngste sedieren, wecken sie aber umso mehr.<br>Es kommt zu der Situation, dass die Mobilit\u00e4t innerhalb der EU und auch die Mobilit\u00e4t ihrer B\u00fcrger nach drau\u00dfen in die weite Welt grenzenlos sein soll. Gleiches gilt f\u00fcr die Mobilit\u00e4t der Finanz- und Warenstr\u00f6me. Nur die Migrantenstr\u00f6me \u2013 die sollen mit hohen W\u00e4llen und D\u00e4mmen gestoppt werden. Wer das will, der leugnet die Wirklichkeit, denn er leugnet die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit der Globalisierung. Ein sich immer rigider geb\u00e4rdendes Grenzregime untergr\u00e4bt die Freiheit, die es sch\u00fctzen will. Die liberalen Demokratien brechen dann, um sich zu sch\u00fctzen, ihre eigenen Regeln. Die britische Regierung hat das mit ihren Ruanda-Gesetzen schon getan: Sie hat einfach das autorit\u00e4re Ruanda per Gesetz als sicher erkl\u00e4rt. Sie hat die Klagerechte gegen Ruanda-Abschiebungen massiv eingeschr\u00e4nkt. Und sie hat es erlaubt, die Urteile internationaler Gerichte zum Fl\u00fcchtlingsschutz zu ignorieren.<br>Der Heilige Geistes f\u00e4hrt als brausender Wind durch die verschlossenen T\u00fcren und vertreibt die Angst der Abgeschotteten vor denen da drau\u00dfen. Einen Hauch davon w\u00fcnscht man sich f\u00fcr die Festung Europa zu Pfingsten 2024.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Quelle: SZ<br><a href=\"https:\/\/epaper.sueddeutsche.de\/webreader-v3\/index.html#\/859416\/5\">https:\/\/epaper.sueddeutsche.de\/webreader-v3\/index.html#\/859416\/5<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kommentar als  PDF zum herunterladen:<br><a href=\"https:\/\/oeko-und-fair.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/SZ-17.5.24-Anti-Pfingsten-von-Heribert-Prantl.pdf\">https:\/\/oeko-und-fair.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/SZ-17.5.24-Anti-Pfingsten-von-Heribert-Prantl.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heribert Prantl (SZ) hat wieder einen seiner treffenden Kommentare ver\u00f6ffentlicht. Er prangert darin die Diskrepanz zwischen der Globalisierung und der Abschottung Europas an und bringt sie in Zusammenhang mit der wundersamen V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, an die das Pfingstfest erinnern soll. 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